Mit Kindern über den Konflikt reden

Der Ukraine-Konflikt bereitet Kindern und Jugendlichen Sorgen und sie stellen Fragen. Das Bayerische Rote Kreuz möchte Ihnen, gemeinsam mit dem approbierten Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Christoph Treubel, einige Informationen über Kinderängste und darauf aufbauende Hinweise geben, was Sie als Eltern tun können. Außerdem finden Sie hier einige Links zu hilfreichen Webseiten.

Hintergründe von aktuellen Ängsten und Sorgen

Kindliche Ängste

Es gibt “typische” Ängste, die sich in bestimmten Altersgruppen bei vielen Kindern zeigen. Zum Beispiel haben Kinder im Kindergartenalter häufig Angst vor unheimlichen Bedrohungen (z.B. das Monster unter dem Bett oder der Einbrecher in der Wohnung) oder auch Trennungsängste (die Eltern könnten plötzliche verschwinden, sie selbst könnten entführt werden usw.). Wenn sie sich irgendwann bewusst werden, dass das Leben endlich ist, können Ängste vor dem eigenen Tod, dem Tod der Eltern oder anderen wichtigen Personen dazu kommen.

Ein Konflikt in unserer Nachbarschaft – und es dürfte auch schon jungen Kindern klar sein, dass dieser Ukraine-Konflikt nicht sehr weit weg ist – bedient viele dieser kindlichen Urängste. Vielleicht sehen sie auch in den Nachrichten Berichte über betroffene Kindern, bekommen mit, dass Menschen sterben oder merken, dass wir Erwachsenen auch besorgt sind. Daher ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Kinder erstmals oder erneut Sorgen machen, zum Beispiel dass sie sterben könnten, die Familie oder ihr zu Hause verlieren könnten usw.

Es kann sein, dass Ihr Kind direkt solche Ängste äußert oder Sie an anderen Verhaltensweisen merken, dass Ihr Kind sich Sorgen macht. Schlafprobleme, schlechte Träume, allgemeine Unruhe oder auch Bauchschmerzen können darauf hindeuten.

Verlust von Kontrolle

Ein weiterer Faktor, der eine Rolle spielt, ist das Gefühl von Kontrollverlust. Sie kennen das aus eigener Erfahrung – der Gedanke “Oh Gott, wo soll das alles nur enden?” ist unangenehm und löst Verzweiflung und Angst aus. Die Überzeugung, dass wir Kontrolle über unser eigenes Leben haben und entscheiden können, was mit uns und um uns passiert, ist für uns Menschen eines der wichtigsten psychologischen Grundbedürfnisse. Wird es verletzt – entweder, weil wir einen erheblichen Kontrollverlust erleben oder weil wir den Gedanken haben, dass alles außer Kontrolle gerät – ist das ungesund für uns und führt zu psychischen Beschwerden wie Ängsten. Ähnliches haben wir alle während der Corona-Pandemie erlebt: Die Bedrohung durch ein nicht greifbares Virus, Angst um Arbeitsplatzverlust, wirtschaftliche Probleme oder der Gedanke “Ob das alles noch mal so wird wie früher?” gehen ebenfalls in Richtung Kontrollverlust oder stellen einen solchen dar. Auch der Gedanke “Wir können nicht verhindern, ob ein bewaffneter Konflikt kommt, ob wir in Gefahr geraten oder alles verlieren” stellt eine Einschränkung von Kontrollüberzeugung dar.

Angst – ein lebenswichtiges Gefühl

Angst ist ein lebenswichtiges Gefühl – ohne Angst hätte die Menschheit schlechte Karten gehabt, sich zu dem zu entwickeln, was sie heute ist. Angst warnt vor Gefahr und Angst “motiviert” uns dazu, uns möglichst schnell in Sicherheit zu bringen. Daher führt Angst zu einer körperlichen Reaktion, die uns in die Lage versetzen soll, wegzulaufen oder zu kämpfen. Zum Beispiel geht dann die Atmung schneller (Sauerstoffversorgung) oder die Pulsfrequenz steigert sich (Blutversorgung der Organe). Angst bringt Anspannung mit sich und verlangt von uns eine Reaktion, um uns aus der Gefahrenzone zu bringen. Außerdem führt Angst dazu, dass wir uns Unterstützung suchen (z.B. indem sich das Kind bei den Eltern anklammert). Eltern werden, wenn sie die Angst ihres Kindes wahrnehmen, dazu motiviert, sich um das Kind zu kümmern und es zu beschützen – gut so.

Das Problem ist: Wenn keine Gefahr da ist, vor der ich weglaufen oder die ich bekämpfen kann, dann fühlt es sich ziemlich unangenehm an.

Unbegründete und unwahrscheinliche Ängste

Manche Ängste sind schlicht unbegründet – z.B. die Angst, im Fahrstuhl zu ersticken oder von der kleinen Spinne in der Zimmerecke gebissen zu werden. Diese Angst warnt vor keiner Gefahr.

Andere Ängste warnen vor einer Gefahr, die aber weder konkret noch sehr wahrscheinlich ist: Deutschland kann in einen bewaffneten Konflikt geraten, aber es steht weder konkret bevor noch ist es sehr wahrscheinlich. Mit Sicherheit wird ein Mensch irgendwann sterben – hoffentlich erst in Jahrzehnten, aber auch hier können Sie keinem Kind sagen “Nein, ich sterbe nie”. Die Gefahr, die dieser Angst zu Grund liegt, kann nicht bekämpft werden und sie muss es auch nicht. Hier geht es darum, zu “entkatastrophisieren” und die Fakten zu checken.

Was Sie tun können

Seien Sie verlässliche Gesprächspartner*innen

Das Wichtigste: Sie können der Fels in der Brandung sein, die sichere Basis Ihres Kindes. Wenn Ihr Kind erlebt, dass Sie angemessen mit Sorgen umgehen und bei Problemen aktiv nach Lösungen suchen, ist dies für es eine große Hilfe. Wenn Ihr Kind erlebt, dass Sie weder bagatellisieren noch dramatisieren, dann fühlt es sich ernstgenomen und auch geschützt.

Verlässlichkeit heißt auch, dass Sie darauf achten, dass ein regelmäßiger und gewohnter Tagesablauf stattfindet. Wenn Sie z.B. bisher nicht beim Frühstück ferngesehen haben, dann sollten Sie dies trotz Ukraine-Konflikt jetzt nicht tun. Halten Sie gemeinsame Rituale ein wie zu Bett bringen, Spieleabende, gemeinsames Fernsehen usw. Beim gemeinsamen Fernsehen ist es auch möglich, in angemessenem Umfang Berichte über den Konflikt zu sehen (s.u.).

Überlegen SIe auch einmal: Wie reden Sie als Erwachsene miteinander zu Hause über Probleme und Sorgen? Wichtig ist, dass “Erwachsenensorgen” nicht vor oder mit Ihrem Kind diskutiert werden. Wenn es Probleme gibt, die Ihr Kind betreffen (z.B. wenn die Familie Geldsorgen hätte) oder interessieren (z.B. der Konflikt), dann geben Sie angemessene Informationen weiter, aber diskutieren Sie das Problem nicht über die Maßen.

Sprechen Sie Ihr Kind aktiv an

Es ist durchaus sinnvoll, Ihr Kind aktiv zu fragen, welche Dinge es vom Konflikt in der Ukraine mitbekommen hat und welche Gedanken ihm durch den Kopf gehen. Geben Sie Ihrem Kind zu verstehen, dass es jederzeit mit Ihnen über den Konflikt reden kann.

Reden Sie Dinge nicht klein, die nicht klein sind. Wenn Ihr Kind z.B. sagt, dass es schrecklich sein muss, von zu Hause weg zu müssen, dann bestätigen Sie das – “Ja, das ist für alle Kinder und Erwachsenen schlimm.” Weisen Sie gerne im nächsten Satz darauf hin, dass viele Menschen gerade alles dafür tun, um das Leid zu lindern. Wenn Sie wahrnehmen, dass Ihr Kind Angst empfindet oder traurig wird, dann benennen Sie dies aktiv (“Ich galube, jetzt kriegst du Angst, oder?”) und spenden Sie Sicherheit und Trost, z.B. durch körperliche Nähe.

“Entkatastrophisieren” Sie und grenzen Sie die Sorgen ein

Auch wenn Sie nicht bagatellisieren sollen, ist es doch wichtig, die Sorgen realistisch einzugrenzen und ihnen den Schrecken zu nehmen. Dazu gehört auch die Information an Ihr Kind, dass es in Ordnung und normal ist, aktuell Ängste zu empfinden. Seien Sie ehrlich und antworten Sie auf Fragen wahrheitsgemäß, aber altersangemessen. Manchmal sind kurze Antworten mit weniger Informationen besser und stellen Ihr Kind zufrieden. Es kann ja nachfragen, wenn es mehr wissen will. Sagen Sie auch ehrlich, wenn Sie keine Antwort haben.

Wenn Sie selbst dahinterstehen können, dann machen Sie deutlich, dass Deutschland “Freunde” hat, die sich gegenseitig unterstützen und dass Russland sich nicht mit uns streiten wird. Sie können bei jüngeren Kindern als Beispiel anführen, dass zwei Kinder alleine auf dem Spielplatz sind und beide dasselbe Spielzeug haben wollen. Weil eines der Kinder größer und stärker ist, haut es das andere Kind und nimmt ihm das Spielzeug weg. Ähnlich können Sie dann erklären, warum wir nicht gehauen werden (“Weißt du, bei uns ist es so, dass wir mit vielen starken Freunden auf dem Spielplatz sind”). Machen Sie auch deutlich, dass der bewaffnete Konflikt näher ist als andere bewaffnete Konflikte (“Weißt du, es ist leider so, dass irgendwo auf der Welt immer gekämpft und gestritten wird.”), aber immer noch relativ weit weg. Sie können auch darauf hinweisen, dass die Erwachsenen auf der Welt alles dafür tun, dass dieser Konflikt ("Streit") endet und dass man sich gut um diejenigen kümmert, die jetzt unter den Folgen des bewaffneten Konflikts leiden.

Beim Thema “Tod und Sterben” können Sie in entsprechendem Rahmen über Wahrscheinlichkeit sprechen: “Nein, ich bin mir sicher, dass wir alle noch lange leben und noch viel schöne Zeit miteinander haben.” Erklären Sie Ihrem Kind auch, dass es wichtig ist, sich von diesen Gedanken ein Stück weit abzulenken.

Versuchen Sie auch, die Aufmerksamkeit Ihres Kindes auf das zu lenken, was sich gerade nicht verändert. Auch wenn wir Sorgen haben, ist es doch so, dass unser Alltag mit allen angenehmen (und leider auch unangenehen) Dingen normal weiterläuft. Sprechen Sie dies aktiv an: “Ja, wir haben viele Nachrichten gehört, die einem Angst machen können. Aber schau mal: Du kannst trotzdem ganz normal zur Schule gehen, du kannst dich mit deinen Freunden treffen, wir beide können miteinander spielen und kuscheln.”

Achten Sie auf Medienkonsum

In der Corona-Pandemie konnten wir feststellen, dass Kinder und Jugendliche durch übermäßigen und ungezügelten Medienkonsum und Informationsfluss zu Corona mehr Ängste entwickelt haben. Achten Sie daher darauf, welche Informationen Ihr Kind erhält und in welchem Umfang. Dabei ist es sinnvoll, gute Informationen zur Verfügung zu stellen.

Für jüngere Kinder empfiehlt es sich, z.B. die Logo-Kindernachrichten oder die Neuneinhalb-Nachrichten anzusehen. Bei Kindern ab ca. 11-12 Jahren ist es auch möglich, sich über Nachrichten wie Tagesschau o.ä. zu informieren. In jedem Fall sollten Sie gemeinsam mit Ihrem Kind fernsehen oder Nachrichten recherchieren und die Zeit dafür auch begrenzen.

Denken Sie auch daran, dass in Social Media viele Videos und Fotos aus dem Konfliktgebiet gepostet werden. Wenn Ihr Kind Zugang zu TikTok, Instagram usw. hat, sprechen Sie das Thema direkt an. Besprechen Sie mit Ihrem Kind, dass es möglichst eigenverantwortlich den “Konsum” von "Kriegsnachrichten" einschränken soll, wenngleich es sich natürlich informieren darf. Machen Sie auch deutlich, dass Ihr Kind Sie jederzeit ansprechen kann, wenn es etwas gesehen hat, was es verunsichert oder durcheinanderbingt, ohne dass z.B. der Zugang zu Social Media durch Sie eingeschränkt wird.

ZDF Logo hat eine Seite zusammengestellt, was Kinder tun können, wenn sie durch Nachrichten beunruhigt sind: https://www.zdf.de/kinder/logo/wenn-euch-nachrichten-angst-machen–100.html

Sorgen Sie für angenehme Aktivitäten

Auch das gehört dazu, die Kontrolle zu behalten: Machen Sie sich den Alltag (gewohnt) angenehm. Sorgen Sie für Zeit, die frei ist von schlimmen Nachrichten, in denen sich Ihr Kind mit Freunden trifft, in denen Sie miteinander spielen oder über andere Dinge sprechen. Denken SIe auch an Abendrituale (vorlesen, ins Bett bringen, kurz über den Tag sprechen).

Einen kleinen Beitrag leisten können

Wenn Ihr Kind sich Sorgen um das Schicksal der Menschen in der Ukraine, speziell der Kinder, macht, dann unterstützen Sie es darin, einen kleinen Beitrag zu leisten. Dies kann eine gemeinsame Geldspende Ihrer Familie sein, zu der auch das Kind etwas von seinem Taschengeld beitragen kann oder eine bewusste Sachspende, z.B. von Kleidung oder auch von Spielzeug. Letzteres bietet sich ggf. an, wenn in einigen Tagen oder Wochen geflüchtete Menschen aus der Ukraine in Ihrem Wohnort unterkommen. Möglich wäre auch, dass Ihr Kind dann versucht, sich mit einem geflüchteten Kind anzufreunden und so seinen Beitrag zu leisten, das Leid zu linden. Hierbei können Sie Ihr Kind ebenfalls unterstützen.

Mit Jugendlichen: Diskutieren Sie angemessen

Jugendliche machen sich teilweise tiefere Gedanken über die Welt. Diese Fähigkeit, mehr über Dinge nachdenken zu können, kann anstrengend sein und zu Ängsten führen. Begegnen Sie Jugendlichen auf Augenhöhe. Gehen Sie auf Ängste und Sorgen ein und geben Sie auch (in angemessenem Umfang, der nicht überfordert) eigene Sorgen preis. Versuchen Sie auch hier, Sorgen einzugrenzen und auf das zu verweisen, was stabil bleibt. Motivieren Sie Jugendliche, sich weiter mit Freunden zu treffen und Spaß zu haben. Helfen Sie Ihrem jugendlichen Kind, einen Beitrag zur Situation zu leisten, z.B. durch Spenden, durch aktive Unterstützung von Geflüchteten oder auch durch Teilnahme an Mahnwachen und Kundgebungen. Zuletzt können Sie auch darüber sprechen, dass der junge Mensch in seiner Zukunft an einer besseren Welt mitwirken kann, z.B. durch Berufswahl oder durch ehrenamtliches Engagement.

Weiterführende Informationen

Informationen für Kinder

Informationen für Eltern