Frankentornado 2010: Katastrophenschutzübung des BRK
08.07.2010: Netzwerk der medizinischen Versorgung garantiert Sicherheit.
“Stellen Sie sich vor: Unwetter über Unterfranken, Schwerpunkt Rhön-Grabfeld. Sturmböen, die Orkanstärke erreichen, heftiger Starkregen, die Wasserstände steigen. Bei einer Tanzveranstaltung stürzt die Hallendecke ein, im Schwimmbad der physikalischen Abteilung einer Klinik tritt nach einer Explosion Gas aus. Im Industriegebiet kommt es zu einer Verpuffung.
Dieses Szenario erwartet 800 Hilfskräfte mit ihren 200 Fahrzeugen, die Freitag und Samstag aus ganz Bayern nach Bad Neustadt kommen. Unter dem Titel „Frankentornado 2010“ üben sie in der Kleinstadt für den Ernstfall.“ (Main Echo)
Die Katastrophenschutzkontingente der Bezirksverbände Unterfranken und Ober-/Mittelfranken veranstalten von Freitag bis Samstag eine groß angelegte Katastrophenschutzübung. Unter dem Titel „Frankentornado“ üben 500 BRK-Spezialisten mit der Unterstützung der Feuerwehr, dem Technischen Hilfswerk und Mitgliedern des Polizeipräsidiums Unterfranken die verschiedensten Szenarien. Die sogenannten „großen Lagen“, die von den Katastrophenschützern bewältigt werden müssen, reichen vom Einsatz nach dem Einsturz einer Discohalle mit zahlreichen Verletzten bis hin zur Evakuierung schwerstkranker Patienten aus einem Krankenhaus oder den Folgen eines schweren Unwetters. Dazu stellt das Bayerische Rote Kreuz, als größte Hilfsorganisation im Katastrophenschutz zwei Einsatz-Kontingente. In diesen Einheiten, deren Konzepte aus Anlass der Fußball WM in München und Nürnberg entwickelt wurden, sind die Profis für den Sanitätsdienst, die Ärzte, die Mitglieder vom Kriseninterventionsdienst, die Spezialisten für Technik und Sicherheit, der Verpflegungstrupp und die Kapazitäten für den Transport Verletzter zusammengefasst. Vier Jahre nach der Fußball WM sind die Spezialisten vom BRK-Katastrophenschutz dabei, die tradierten Konzepte erneut in der Praxis zu überprüfen. Die Veranstaltungsorte der Übung sind alle in der Nähe von Bad Neustadt a.d. Saale.
Harald Pruckner, Landesbereitschaftsleiter: „Das Konzept der Übungen in diesem Jahr ist speziell darauf ausgerichtet, um von der Alarmierung bis zur interdisziplinären überregionalen Zusammenarbeit viele verschiedene Einsatzmöglichkeiten und die taktische Funktion unserer Katastrophenschutzeinheiten bei überregionalen Einsätzen zu überprüfen“. Die Übung „Frankentornado“ wird wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. Dazu begleitet ein Team der Hochschule Köln vom Institut für Anlagen und Verfahrenstechnik und Rettungsingenieurs wesen die auf zwei Tage angesetzte Einsatzübung. Aus den Beobachtungen und Bewertungen soll dann im Nachgang eine praxisnahe Verfahrensempfehlung für überörtliche Einsätze entstehen.
Laut Pruckner war die Fußballweltmeisterschaft 2006 für den Katastrophenschutz in Bayern ein zentrales Ereignis. Damals hatte das BRK für alle denkbaren differenten Schadenereignisse neue Konzepte zur Versorgung Verletzter vom individuellen Notfall bis hin zu einer denkbaren Katastrophe entwickelt. Eigens für die WM 2006 wurde damals in Zusammenarbeit mit den übrigen acht bayerischen Hilfsorganisationen das Konzept des Behandlungsplatzes entwickelt, der mit seiner Ausstattung in der Lage ist, 50 Patienten pro Stunde nach einer ärztlichen Sichtung zu versorgen und für den Abtransport vorzubereiten. Nach dieser neuartigen Vorgehensweise würden im Ernstfall die Notaufnahmen der Kliniken entlastet. Darüber hinaus ist es auch möglich, Teile des Behandlungsplatzes als mobile Einsatzmodule im Sinn von Unfallhilfsstellen einzusetzen. Auch die Stationierung vor oder in der Nähe eines Krankenhauses kann dieses vor dem Überlaufen, vor allem von Leichtverletzten, schützen. Durch die Zusammenführung mehrerer Behandlungsplatz-kontingente kann im Notfall deren Leistungsfähigkeit erhöht werden. Mit den großen San-Gerätewagen, als Teil eines Behandlungsplatzes, wurde ferner eine Reserve geschaffen, die auch eine Betriebsbereitschaft von über eine Stunde hinaus garantiert.
Die Vorbereitungen für den Katastrophenschutz der WM betraf Im Jahr 2006 nicht nur die Mobilisation und Akquisition der personellen Ressourcen, sondern auch deren Vorbereitung – sprich Ausbildung und Einweisung auf das neue medizinische Versorgungskonzept, das in seinen Rahmenbedingungen von der Innenministerkonferenz der Länder vorgegeben und seitens der Durchführenden auf bayerische Gegebenheiten adaptiert wurde.
Diese Adaption unter der Begleitung durch das Bayerische Staatsministerium des Inneren sowie der daraus folgenden Ausbildungen und erforderlichen Übungen sind nach den Aussagen von Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk, der selbstlose Beitrag der ehrenamtlichen Helfer des BRK zur Absicherung der Solidargemeinschaft.
Das Netz der medizinischen Versorgung beschränkte sich bei der Fußball WM oder bei anderen vergleichbaren Ereignissen nicht nur auf die Leistungen des Rettungsdienstes, dessen Regelvorhaltung im Vorfeld in der Regel erhöht wird, sondern bezog die Versorgung in den Krankenhäusern mit ein. Nach Überprüfung der Krankenhausalarmpläne wurde ein spezielles Zuweisungskonzept erarbeitet, das in Abhängigkeit von der Zahl der Betroffenen eine Überlastung der stationären Ressourcen in der Lage ist zu vermeiden.
Das auf dem Prinzip der sog. Lageveränderung beruhende Konzept eröffnet die Möglichkeit, dass jederzeit auch durch Kräfte der Bundeswehr mit Flugzeugen oder Hubschraubern, falls erforderlich, weitere Unterstützung erfolgen kann. Zu diesem Zweck wurden im Vorfeld alle Krankenhäuser Bayerns bezüglich ihrer Leistungsfähigkeit befragt und diese Auskünfte in eine Datenbank eingegeben.
Somit wurden im Freistaat Bayern durch die Experten des BRK ein bisher nie dagewesenes medizinisches Sicherheitsnetz geknüpft, dessen Leistungs- und Belastungsfähigkeit ständig neu evaluiert und erweitert wird.
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