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Treffen unter dem Kirchturm von Avellino

Nach über 30 Jahren kam es im Kreisverband des Bayerischen Roten Kreuzes zu einem denkwürdigen Treffen.

 

Auf Anregung von Dr. Hermann Ober, ehemaliger Chefarzt des Kreisverbandes und vor 30 Jahren mit Adolf Egger Einsatzleiter im Erdbebengebiet in Süditalien, trafen sich die damaligen Kräfte aus dem Kreisverband Augsburg-Land und dem Ostallgäu unter einem Bild des Kirchturmes von Avellino. Zum Zeitpunkt des Erdbebens war die Uhr stehen geblieben.

 

Mit Erschütterung hatte die Bevölkerung des Landkreises die Nachrichten und Bilder aus dem Erdbebengebiet in Süditalien zur Kenntnis genommen. Am 25.11.1980 trafen sich Führungskräfte des Kreisverbandes und diskutierten Hilfsmöglichkeiten für Italien. Die Nachricht, das Bayerische Rote Kreuz im Landkreis plane eine Hilfsaktion für die Erdbebenopfer in Süditalien, führte zu einer Spendenbereitschaft mit lawinenartigen Ausmaßen. Bereits 3 Tage später am 28.November startete um 21.00 Uhr Abend ein Vorkommando unter Führung von Dr. Hermann Ober in Richtung Erdbebengebiet. Am Morgen des 29.11. startete ein LKW-Konvoi mit 12 Einsatzkräften, einem italienischem Dolmetscher und Fahrern von Speditionen unter Führung von Anton Böck. Der Konvoi bestand aus einem VW-Bus, 7 LKW und 2 Anhängern. Mittlerweile hatte das Vorkommando am Samstagnachmittag das Erdbebengebiet erreicht und sich einen ersten Überblick verschafft.

 

Dringend gebraucht wurden Zelte, Schlafsäcke, Matratzen und Decken. Bereits am Sonntag, den 30.11. starteten zwei weitere Fernlastzüge mit 4 Fahrern und dem angeforderten Material und Bekleidung. Mittlerweile hatte der erste LKW Foggia erreicht. Sie richteten ihr Lager auf einem abgeschlossenen Parkplatz und in einer Werkhalle ein, welche von den Besitzern zur Verfügung gestellt wurden. Von dort aus wurden drei Straßenverbindungen in das Katastrophengebiet erkundet und die Örtlichkeit als für ein  Basislager geeignet empfunden.

Permanente Nachbeben, Schneefall, Temperaturen nachts unter -5 Grad und überall Schlamm erschwerten die Arbeit der Kräfte.

Der Kreisverband Ostallgäu erklärte sich bereit, die Hilfsmaßnahmen und den dritten Konvoi personell und materiell zu unterstützen.

Dr. Ober berichtete regelmäßig telefonisch aus dem Erdbebengebiet. Der Bericht erhielt Nachricht über die Ingang gekommene medizinische Versorgung der Bevölkerung und die gute Zusammenarbeit mit Polizei und italienischem Militär. Bei weiteren Erkundungsfahrten wurde festgestellt, dass die Einsatzkräfte aus dem Kreisverband Augsburg-Land teilweise die ersten Helfer waren. Am 02.12. war der zweite Konvoi im BRK-Lager in Valatta eingetroffen. Nach einem erneuten Zeitungsaufruf waren erhebliche Mengen von Medikamenten, medizinischer technischer Ausrüstung, Decken und Schlafsäcken beim Kreisverband Augsburg-Land eingegangen. Am selben Tag machte sich der dritte Konvoi, unterstützt durch Kräfte aus dem Ostallgäu mit 23 Einsatzkräften und einem weiteren italienischen Dolmetscher unter Führung von Walter Heckl und Erwin Peter auf den Weg. Neben Wohnwagen führte er 1.500 Decken, 2 Zelte, Feldbetten und Medikamente mit sich. Mittlerweile waren im Gebiet um das Erdbeben und im Erdbebengebiet selbst fast 80 Tonnen Hilfsgüter in kleineren Dörfern und Einzelstehenden Gehöften verteilt worden. Eine Mannschaft des Kreisverbandes kam dabei mit Hilfsgütern bis nach Avelino. Neben erheblichen Problemen durch die zerstörte Infrastruktur kämpfen die Einsatzkräfte mit Kälte, Regen und Sturm. Die überwältigende weise der italienischen Dankbarkeit und Gastfreundschaft spornen die Einsatzkräfte immer wieder an.

Bis zum Donnerstag, 04.12.1980 sind die Einsatzkräfte mittlerweile auf 38 angewachsen. Der Präfekt der Region Ariano Irpino, vergleichbar mit unserem Landrat, besucht die deutschen Einsatzkräfte und informiert sich über ihren Einsatz. Er bittet sie, wie bisher weiter zumachen. Bis auf zwei Orte seines Bereiches seien sie bisher die Einzigen gewesen welche Hilfe gebracht hätten.

Neben der Verteilung der Hilfsgüter wird mit offiziellen Stellen das weitere Vorgehen besprochen. Die ersten Einsatzkräfte treten die Rückfahrt nach Deutschland an.

Die nächsten Tage dienen vornehmlich dazu, mit kleinen Fahrzeugen  Hilfsgüter systematisch auf die im Einsatzbereich liegenden Feldhospitäler, Landkrankenhäuser, Dörfer und Gehöfte zu verteilen. Immer noch kämpfen die Fahrzeuge mit zerstörten Straßen und Brücken, die teilweise durch Nachbeben über Nacht entstehen. Im Laufe des Samstages ist Verteilung der Hilfsgüter weitestgehend abgeschlossen. Die restlichen Medikamente werden nach Avellino in ein dort im Aufbau befindliches Notlazarett abgegeben. Am Morgen des 07.12. —einem Sonntag – wird mit dem Abbau des Lagers begonnen und die Ausrüstung verladen. Um 10.00 Uhr verlassen die Einsatzkräfte das Erdbebengebiet, um im Laufe des Montagnachmittags wieder zu Hause in Göggingen einzutreffen.

Nach über 30 Jahren waren es Bilder, Berichte und Erzählungen, die diesen Einsatz erneut hautnah in das Sitzungszimmer des Kreisverbandes an der Gabelsbergerstraße holte. Einig waren sich alle Anwesenden, dass es vor allen Dingen zwei maßgebliche Faktoren waren, die diese Hilfsaktion vor nunmehr über 30 Jahren möglich gemacht hatten. Einmal war es die große Bereitschaft der Bevölkerung, Hilfsgüter und finanzielle Mittel zu spenden, das unentgeltliche Entgegenkommen von Speditionsfirmen, die Bereitschaft zahlreicher Firmen notwendige Geräte, Hilfsgüter und Medikamente zur Verfügung zu stellen, sowie die unproblematische und unbürokratische Mithilfe zahlreicher Behörden.

Schließlich waren es aber vor allem die ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseres Kreisverbandes, die in vielen Stunden zum Teil bis zur körperlichen Erschöpfung an Vorbereitung und Durchführung dieser Hilfsaktion beteiligt waren, oft freigestellt durch verständnisvolle Arbeitgeber.

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